Zum Reformationsjubiläum: Für die Wahrheit eintreten

„Iß, was gar ist, trink, was klar ist, red, was wahr ist.“

Er soll ja vieles gesagt haben, der gute alte Luther. Auch dieser Aphorismus wird ihm zugeschrieben. Na ja, passen würde es zu ihm! Unser evangelischer Kirchenvater ist ja nicht gerade als Kostverächter bekannt. Und auch der wahren und wahrhaften Rede hatte er sich zeitlebens verschrieben. Faule Kompromisse waren seine Sache nicht.

Am kommenden Dienstag ist es endlich soweit: Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, schlug Martin Luther 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche. Luther beginnt so: „Aus Liebe zur Wahrheit und im Verlangen, sie zu erhellen, sollen die folgenden Thesen in Wittenberg disputiert werden …“

Aus Liebe zur Wahrheit! Ja, er hat sie geliebt, die Wahrheit – nicht nur im theologischen oder philosophischen Sinne. Als Bibeltheologe kannte er natürlich die Aussage Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Luther hat Jesus geliebt. Jesus war seine Wahrheit, sein Schlüssel, seine Grundlage, sein Lebenselixier.

Aber ihm war auch klar: Wer den Auftrag hat, wie er selbst die Wahrheit zu verkündigen, der muss die ganze Wahrheit sagen – ohne Abstriche etwa aus Menschenfurcht oder Opportunismus heraus. Auch nicht aus der Berechnung heraus, dass eine zurechtgestutzte Wahrheit vielleicht besser ankommen wird.

Ganz anders dagegen viele heutige Kirchenvertreter: Dass Jesus für uns gestorben ist – diese für Luther zentrale Wahrheit gilt heute vielen nur noch als eine „neutestamentliche Reflexion über Jesu Leiden und Sterben“, die natürlich hinterfragt werden kann – und auch wird (vgl. Für uns gestorben – Grundlagentext des Rates der EKD 2015, S. 35). Keine Rede mehr davon, dass Jesus selbst diese Wahrheit vor seiner Kreuzigung sagte und diese Wahrheit am Ostermorgen von Gott selbst bestätigt wurde!

Oder nehmen wir die Wahrheit der Bibel: Was für Luther selbstverständlich war, wird heute offen negiert: Die biblischen Texte „können … nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als ‚Wort Gottes‘ verstanden werden“. (Rechtfertigung und Freiheit, Grundlagentext der EKD, S. 83)

Luthers Wahrheiten allein Christus und allein die Heilige Schrift … längst sind sie der zeitgeistigen Mehrheitsmeinung zum Opfer gefallen. Auch bei uns in Württemberg? Die Sitzung der Ev. Landessynode (27. bis 30. Nov 2017) wird es zeigen. (Markus Haag)

Wegweisendes Wort zur Frage der Segnung von Homosexuellen

Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de

Die Württembergische Pfarrer-Arbeitsgemeinschaft Confessio (Vorsitzende sind die Pfarrer Dr. Tobias Eißler und Martin Hirschmüller) hat im April 2017 unter dem Thema „Lieben statt absegnen!“ ein wegweisendes Wort zur Diskussion um die Homo-Segnung veröffentlicht, das wir nicht nur den Verantwortlichen in den württembergischen Gemeinden dringend empfehlen. Hier gibt es den Text als Download.

Was die Bibel über Flüchtlinge sagt – und meint

Bild: S. Hofschlaeger/pixelio.de

Nicht alle Bibelstellen zum Thema Flucht lassen sich auf die heutige Zeit übertragen. Das sagte der Theologe Stephan Holthaus im Gespräch mit pro. Er erklärte, dass auch ein Aufnahmestopp unter Umständen mit der christlichen Ethik vereinbar sei. mehr

Jesu geringsten Brüdern dienen

Foto: Jerzy_Sawluk/pixelio.de

Liebe Gemeinde, es gibt ja soooo viele Witze über Himmel und Hölle. Unendlich viele. Einen hab ich Euch mitgebracht: Ein Taxifahrer kommt gleichzeitig mit einem Pfarrer vor der Himmelspforte an. Beherzt klopft der Pfarrer an die Pforte, während der Taxifahrer sich noch ein wenig unsicher umsieht. Petrus öffnet, sieht zuerst den Pfarrer und sagt zu ihm: - Du musst noch ein wenig warten, zuerst kommt der Taxifahrer dran. Da wird der Pfarrer ärgerlich: „Was soll denn das? Mein ganzes Leben habe ich in den Dienst der Kirche gestellt und jetzt wird ein Taxifahrer zuerst in den Himmel eingelassen. Da kann doch etwas nicht stimmen.“ Darauf entgegnet Petrus: „Das ist zwar richtig, aber während du auf der Kanzel standest und predigtest, haben alle in deiner Kirche geschlafen. Aber wenn der Taxifahrer Fahrgäste gefahren hat, da haben die immer alle gebetet wie die Weltmeister!“

Warum nur gibt es so viele Witze über dieses Thema Himmel und Hölle? Ich vermute, weil man so die Ernsthaftigkeit verdrängen kann. Auf diese Weise kann man sich dieses Thema vom Leib halten. Denn: Es ist eben auch ein ernstes Thema. Ich erinnere an den Wochenspruch aus 2. Kor 5, 10: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. – Alle! Und deshalb lautet die Frage: „Was wird da genau los sein, wenn wir uns einst tatsächlich vor diesem Richterstuhl von Christus befinden?“ Was wird da sein? Was wird da passieren?Hören wir mal, was Jesus selbst dazu sagt. Ich lese aus Matth 25,31-46

Was also wird passieren? Es kommt zu einer Scheidung: Vor dem Richterstuhl Christi wird geklärt, wer in Ewigkeit bei Gott bleiben darf und wer nicht. Das heißt: Genau genommen ist es zu diesem Zeitpunkt im Endgericht bereits entschieden. Entschieden wird nämlich nicht in ferner oder naher Zukunft, sondern im heute! Im Hier und Jetzt entscheidet sich, wie wir unser ewiges Leben verbringen. Am Ende der Zeiten wird dann nur noch sortiert. Aber wer kommt denn jetzt durch? Wer darf in den Himmel? „Natürlich alle Menschen“, denken und sagen viele. Gott ist Gott ein Gott der Liebe … das kann ja dann nicht anders sein. Oder vielleicht doch nur die, die besonders viel Gutes getan haben? Die sich im Glauben angestrengt haben – die besonders Frommen? Oder die, die die richtige Glaubenslehre vertreten? Nein. Jesus sagt etwas ganz anderes. Nicht die richtige Bildung ist entscheidend, nicht der Ruhm, den ein Mensch erlangt hat – auch nicht der kirchliche – , nicht sein Erfolg; auch nicht seine Taufe! Der Taufschein ist keine Freifahrkarte in den Himmel. Entscheidend ist allein, wie wir Jesus begegnen – und hier speziell: Jesus in seinen geringsten Brüdern! Das ist entscheidend. Entscheidend ist, wie wir uns Jesus in seinen geringsten Brüdern gegenüber verhalten.

Und an dieser Stelle kommt dann das trockene Schlucken – und die Beklemmung setzt ein. Denn es ist genau diese Aussage Jesu, die landauf landab von kirchlichen Vertretern derzeit benutzt wird, um die sog. „Willkommenskultur für Flüchtlinge“ zu begründen. Und das, liebe Geschwister, ist in meinen Augen der Sache nicht dienlich. Denn: Ich halte das Hochhalten der Willkommenskultur aufgrund dieser Aussage Jesu für theologisch falsch. Außerdem kann man den Gedanken – wenn man denn möchte – weiterdenken und auf den platten Nenner bringen: Wer bei der Willkommenskultur nicht mitmacht, der verfällt der ewigen Verdammnis – oder der tut zumindest nicht das, was Jesus will. Weil er ja genau das nicht tut: Den geringsten Brüdern helfen. Und wenn mit den geringsten Brüdern tatsächlich die vielen Asylsuchenden gemeint sind – dann würde das sogar stimmen! Dann entscheidet sich unser ewiges Heil unter anderem daran, ob und wie wir uns hier in die Willkommenskultur einbringen. Und wehe, wer sich da entzieht … Deshalb lautet die zentrale Frage: Meint Jesus mit den „geringsten Brüdern“ tatsächlich Menschen wie z.B. die vielen Asylsuchenden, die derzeit kommen? Geht es einfach nur darum, Menschen zu helfen, die irgendwie in Not sind, also um allgemeine Nächstenliebe? Was oder wen meint Jesus? In Matth 12,50 sagt Jesus: „Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Und in Matth 28,10 sagt er: „Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern!“ Die Brüder und Schwestern von Jesus – das sind nach dem Zeugnis der Evangelien seine Jünger. Also die Menschen, die ihm vertrauen, die ihm nachfolgen, die auf sein Wort hören und danach leben. Und: Er meint vor allem auch die, die wegen ihres Glaubens an ihn Not leiden. „Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Da geht es um Christen, die wegen ihres Glaubens inhaftiert sind. Schon in der Bibel gibt es dafür Beispiele – Paulus z.B. bedankt sich in einem Brief aus dem Gefängnis bei denen, die ihn dort besucht haben. Die geringsten Brüder sind also gerade NICHT alle Menschen, die Not leiden und deshalb zu uns kommen. Mal ganz abgesehen davon, dass nach Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge nur ein Prozent von denen, die kommen, echte politisch Verfolgte sind – also in dem Sinne, dass sie als asylberechtigt anerkannt werden. Ein Drittel derer, die kommen, erhält den Flüchtlingsstatus im Sinne der Genfer Konvention oder großzügig gewährten Abschiebeschutz. Der Rest sind schlicht und einfach illegale Einwanderer. Und eigentlich sind wir doch ein Rechtsstaat, in dem Recht und Gesetz gelten sollten, oder? Diese Ordnung zu wahren ist nämlich auch eine Christenpflicht! Oder, um mit Thomas von Aquin zu sprechen: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Auflösung aller Ordnung.“ Ich frage: Wie ist das gerade – in unseren Tagen?

Also: Der Aufruf Jesu zur Barmherzigkeit gilt hier tatsächlich zuerst gegenüber notleidenden Christen – vor allem denen, die um ihres Glaubens willen Not leiden. Und ja, es stimmt: An anderer Stelle hat Jesus das Gebot der Nächstenliebe erweitert und auch auf notleidende Menschen bezogen, die nicht zur eigenen Glaubensfamilie gehören. Es wäre ja auch komisch und nicht im Sinne Jesu, dass ich, wenn ich im Alltag einen Menschen treffe, der meine Hilfe braucht … und ich ihn dann erst mal frage, ob er Christ ist! Gutes Bsp.: Der barmherzige Samariter. So wenig der barmherzige Samariter den von Räubern Überfallenen nach seinem Glauben gefragt hat, bevor er geholfen hat, sollten wir es tun, wenn wir die Gelegenheit – oder die Herausforderung – zum Helfen bekommen. Aber auch dieses Gleichnis lässt sich nicht auf die aktuelle Asylkrise anwenden. Denn der barmherzige Samariter musste eben nicht damit rechnen, dass durch seine Hilfe die Zahl der Hilfesuchenden rapide zunimmt. Er ist nicht plötzlich mit zehn, 20 oder 200 Verletzen konfrontiert, weil er einem geholfen hat. Das würde seine Kräfte vermutlich auch übersteigen. Wenn nämlich die, die Hilfe leisten können, überfordert werden, dann ist gar keine Hilfe mehr möglich. Vielleicht sagt Jesus deshalb: „Was Ihr einem meiner geringsten Brüdern getan habt …“ Einem! Jesus verlangt nicht von uns, dass wir den ganzen Ozean der Not auf dieser Erde austrocknen. Aber: Wir finden Jesus gerade auch in diesem Ozean der Not. Und hier das Unsrige dazu beitragen, den Ozean ein winziges Stück zu verringern, das heißt Jesus nachzufolgen. Aber trotz der gebotenen Ausweitung der Barmherzigkeit auch auf Nichtchristen findet sich im Neuen Testament eine Priorisierung, eine Bevorzugung der Glaubensgeschwister: Jesus sagt eben nicht: „Was Ihr einem der Geringsten getan habt…“ sondern er sagt: „Was Ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan.“ Und Paulus drückt es in Gal 6,10 so aus: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“

Wie kann das nun konkret aussehen? Wie können wir Barmherzigkeit gegenüber unseren notleidenden Glaubensgeschwistern üben? Zum Beispiel, indem wir Hilfswerke wie open doors finanziell unterstützen. Denn die kümmern sich genau um diese geringsten Brüder. Mann kann – auch über die Internetseite von open doors - einen persönlichen Brief an verfolgte Christen in fernen Ländern schreiben! Das zeigt unseren Geschwistern dort: „Wir haben euch nicht vergessen“. Auch wenn das ihre Situation nicht verändert, schenkt ihnen diese Verbundenheit Kraft. Sie wissen, sie sind nicht allein. Eine andere Möglichkeit könnte sein, dass wir Kontakt aufbauen zu christlichen Flüchtlingen in unserer Nähe: dass wir sie besuchen, sie unterstützen und mit ihnen zusammen vielleicht sogar ein Zeugnis der Liebe Jesu unter den anderen Asylbewerbern und Flüchtlingen sein können. In Gronau haben wir ein Projekt für syrische Christen ins Leben gerufen, das genau dieses Ziel verfolgt: Unseren syrischen Glaubensgeschwistern sowohl hier – aber vor allem auch in ihrer Heimat zu helfen (siehe auch den Brief zum diesjährigen „Gronauer Beitrag“). Und in Prevorst stellen wir gerade auch Überlegungen an, wie wir unseren verfolgten Brüdern und Schwestern helfen können (und tun dies in finanzieller Hinsicht ja auch schon seit einiger Zeit!)

Ein Gedanke noch zum Schluß, der zwar noch mal neu einsetzt, der aber notwendig ist! Wir – oder auch andere – machen das nicht aus der Motivation heraus, uns einen Platz im Himmel zu verdienen. Dann wären unsere notleidenden Geschwister ja nichts anderes als Mittel zum Zweck. Dann würde es uns letztlich ja gar nicht um die geringsten Brüder und damit um Jesus gehen, sondern nur um uns selbst. Um uns und unser eigenes Seelenheil. Nein, wer solche Werke tut, ist bereits Christ, d.h. er glaubt bereits an Jesus und weiß, dass Jesus sein Retter ist. Und weil er Jesus liebt, will er den Brüdern und Schwestern Jesu auch dienen – und damit Jesus selbst. Es geht Jesus also um einen Glauben, „der in der Liebe tätig wird“, wie es Paulus mal ausdrückte. Jesus will uns die Augen dafür öffnen, was wirklich Glaube ist. Nur „Herr, Herr“ zu sagen, das genügt jedenfalls nicht, sagt Jesus. Genauso wenig wie ein „Glaube“, der nur aus irgendwelchen guten Taten besteht. Jesus will eine Beziehung zu uns. Er will mit uns leben. Glaube ist eine Lebensgemeinschaft mit Jesus. Und die hat Folgen. Die bringt Früchte der Liebe. Und die kann man sehen. Darum: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Amen. (Markus Haag, Pfarrer)

Pfingsten, der Heilige Geist und der Kirchentag

Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat begonnen. Da passt es vielen ins Konzept, dass an Pfingsten in den evangelischen Kirchen über den Frieden gepredigt wurde: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ So sagt Jesus in Joh 14,27.

„Samstagabend gibt es eine Veranstaltung mit Konstantin Wecker – er singt, ich lese Texte aus der pazifistischen Tradition. Das passt gut zum Schwerpunktthema Frieden, finde ich.“ So sagt Margot Käßmann auf der Internet-Seite des Kirchentags.

Dass evangelische Theologen beim Thema „Frieden“ eher an Konstantin Wecker und die pazifistische Tradition als an Jesus denken, ist zwar nicht neu, aber immer wieder beachtlich! Wer sich durch das Kirchentagsprogramm klickt, der findet sich darin bestätigt: Die Lehren Jesu sowie sein Leben und Sterben als Sühneopfer für uns Menschen spielen gegenüber anderen Themen eher eine kleine Rolle. Stark vertreten dagegen die üblichen Klassiker: „Klimagerechtigkeit“, Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Gender Mainstreaming … und natürlich der Kampf gegen rechts (von einem Kampf gegen links ist interessanterweise nichts zu finden).

Gerade haben wir Pfingsten gefeiert. Das Fest des Heiligen Geistes. Das Fest des Geistes, der uns in alle Wahrheit leiten will. Auch und gerade dann, wenn die Wahrheit nicht der Mehrheitsmeinung entspricht.

Demgegenüber atmet das Kirchentagsprogramm leider über weite Strecken den Geist unserer Zeit ein und auch wieder aus: Toleranz gegenüber annähernd jeder sexuellen Spielart ja – aber die „Meinungsvielfalt“ und Toleranz schafft es nicht, z.B. Homosexuelle zu integrieren, die einen anderen Weg als den des Auslebens gehen wollen. Die biblische Sicht auf die Familie als Vater-Mutter-Kind-Beziehung gilt vielen als überholtes Relikt – und Leute, die das anders sehen, werden dann schnell zur Zielscheibe und zum Gegenstand von Veranstaltungen „gegen rechts“. Es gibt muslimisch-christliche Bibelarbeiten, aber jüdische-messianische Gemeinden werden nicht zugelassen.

Mein Vorschlag für die „Höhen des Kirchentags“ und die „Niederungen des Alltags“: Weniger Zeitgeist, mehr Heiliger Geist. Ad fontes.

Markus Haag, Pfarrer in Gronau und Prevorst

Evangelium und Kir­chensteuer widersprechen sich

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(Freie Welt) Im Interview mit FreieWelt.net spricht sich Pfarrer Jochen Teuffel gegen die Kirchensteuer aus. Er sagt: Kirche ist gottesdienstliches Versammlungsgeschehen – dafür braucht sie kein Geld. Beitrag lesen

Das "königliche Priestertum aller Glaubenden"

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„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat.“  (1.Petr.2,9)

 

Schon zu Beginn der Geschichte des Volkes Israels in der Wüste gibt Mose  in 2.Mos. 19,6 einen Ausblick auf dessen Bestimmung in der Zukunft. Er beschreibt die Identität, die Gott für sein Volk hat so: „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“. Die selbe Bestimmung spricht Petrus etwa 1500 Jahre später über das neutestamentliche Volk Gottes aus (s.o.).
Als Christen denken wir bei dieser Berufung vermutlich an den Begriff des „allgemeinen Priestertums“. In einer seiner Schriften propagierte der Reformator Martin Luther das „Priestertum aller Getauften“, in Abgrenzung zum römischen Priestertum. Alle wiedergeborenen Christen haben durch den Glauben und ohne priesterliche Vermittlung den direkten Zugang zum göttlichen Heil. Daß nach dem Tod Jesu der Vorhang im Tempel zerriß und den Zugang zum Allerheiligsten öffnete, verdeutlicht die Wahrheit dieser Aussage. Der Priester als Mittlerperson zwischen Gott und dem Menschen ist nicht mehr nötig, jeder Gläubige, der durch das Blut Jesu gereinigt ist, darf frei in die Gegenwart Gottes treten (Eph.2,18).
Daraus folgt aber auch der Auftrag an alle Gläubigen, priesterliche Aufgaben wahrzunehmen (Gebet, Fürbitte, Seelsorge, Heilung etc.) und ein priesterliches Leben der Ausgesondertheit zu führen. Fakt ist, daß schon nach dem  Tode der Apostel im ersten Jahrhundert diese Wahrheit langsam in Vergessenheit geriet und sich das alte Priestertum wieder durchsetzte. Zur Zeit der Reformation wurde es wieder neu entdeckt, verschwand aber nach wenigen Jahren wieder. Die Täufer, die das allgemeine Priestertum in Privathäusern weiterlebten, wurden bald von den reformierten  Kirchen und von der katholischen Kirche verfolgt.  Heute legt Gott wieder neu seine Betonung auf die Erneuerung des allgemeinen Priestertums.
 
Zwei Arten von Priestertum
In der Bibel finden wir, neben dem allgemeinen Priestertum, zwei Arten von Priester. Der Alte Bund ist geprägt vom Levitischen Priestertum. Aaron aus dem Stamm Levi wurde von Gott zum Priester für das Volk bestellt. Der Stamm Levi wurde zum priesterlichen Stamm mit eigener Nachfolgeregelung. Damals war es normal, Gott durch ein Tieropfer mit dem sündigen Menschen auszusöhnen. Schon Abel wusste das und brachte Gott ein Lamm als wohlgefällige Opfergabe dar. Diese Praxis setzte sich fort und prägte die gesamte Vorgeschichte der religiösen Kulte der Menschen bis heute und eben auch die Geschichte Israels. Aber sie hatten einen eigenen Priesterdienst und brachten Opfer nach den Vorschriften Gottes dar. Die Nationen neben ihnen, folgten anderen Göttern, hatten aber ebenso Priester, die vermittelnd zwischen ihrem Gott und dem Volk standen, um Sühneopfer darzubringen und Segen zu erbitten.
Doch schon vor dem Levitischen Priestertum gab es ein anderes Priestertum, das uns in der Begegnung mit Abraham vorgestellt wird: Melchisedek. Abraham bringt ihm seinen Zehnten und erkennt ihn damit als Priester vor Gott an. Melchisedek brachte kein Opfer im üblichen Sinne dar, sondern reichte nur Brot und Wein. Das erinnert an das Abendmahl, das Jesus einsetzte. Der Schreiber des Hebräerbriefes greift die Begebenheit auf und bezeichnet Jesus als Priester nach der Ordnung des Melchisedek. David sagte prophetisch über Jesus: "Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks! (Psalm 110,4)“ Dieses Priesteramt hat keine natürliche Nachfolgeregelung, es löst das levitische Priestertum ab und ist in Jesus Christus vollendet. Damit bereitete Jesus den Weg für den neuen Menschen, der ohne die Vermittlung eines menschlichen Priesters freien Zugang zu Gott hat. In den Fußtapfen Jesu, dessen Opfer ein für alle mal genügt, sind wir mit Gott versöhnt und können als seine Jünger nun selbst als Priester wirken.  
 
Der Rückfall in das Levitische Priestertum
Überall in den Kirchen und Gemeinden von heute ist der Rückfall in das levitische Priestertum zu sehen. Am deutlichsten in den Kirchen, wo ein Priester in Priesterrobe, in einem abgesonderten Altarbereich heilige Zeremonien durchführt, bei dem das „Gemeindevolk“ zuschauen darf. Nur ihm ist es erlaubt, die heiligen Sakramente zu spenden, ohne die das Heil der Laienchristen in Frage steht. Die Darbringung des Opfers, was mit Jesus definitv abgeschlossen ist, wird von ihm immer wieder neu am Altar vollzogen. Auch die meisten anderen Kirchen und christlichen Gemeinden sind in eine alttestamentliche und heidnische Priesterstruktur zurückgefallen, auch, wenn es äußerlich nicht so erkennbar ist. Durch die gezielte Ausbildung von Priestern, Pfarrern, Pastoren und Predigern wurde eine neue geistliche Elite geschaffen, die als Klerus einem Heer von Laien gegenübersteht. Wenn Paulus von Apostel, Propheten, Hirten und Lehrern sprach, dann waren das Brüder inmitten der Gemeinde, die als Vorbilder und durch ihre besondere Berufung, die Aufgabe hatten die Gläubigen in die Selbständigkeit ihrer priesterlichen Aufgaben zu führen. Sie sollten „die Heiligen zum Werk des Dienstes zurüsten“ (Eph.4,11-12). Ihre Aufgabe war es nicht, nur als  Priester dem Gemeindevolk zu dienen, sondern die Glieder der Gemeinde für den Priesterdienst zu bewahren zu trainieren. Heute sehen wir überall in Kirchen und Gemeinden, wie einzelne Gläubige als „ordinierte Geistliche“ eine besondere Rolle haben und das Priestertum der Gläubigen mehr verhindert.  
 
Ein Königreich von Priestern
Im Mosetext und im ersten Petrusbrief finden wir nicht die Bezeichnung „allgemeines Priestertum“, sondern „Königreich von Priestern“. Unsere Berufung hat also noch eine zweite Seite, die eines Königs. Im Johannesevangelium lesen wir: „so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Joh.1,12). Wenn Jesus bzw. Gott unser König ist, dann sind wir, die Gläubigen, Königskinder und Erben. Das heißt, wir haben, bzw. bekommen ein besonderes, königliches Recht (exhousia), das ist eine geistliche Vollmacht und Autorität. Es betrifft nicht die Reife oder Begabung, sondern den Stand, den wir rechtmäßig einnehmen dürfen. Viele Christen wissen nicht,  wie groß ihre Autorität ist und können sie deshalb auch nicht ausüben. Andere schrecken schon bei dem Begriff Autorität zurück und denken an Machtmissbrauch und Dominanz, vor dem auch die Gemeinden nicht verschont bleiben. Eventuell ist da noch Heilung nötig.
Gott hat schon im Paradies den Menschen beauftragt, sich die ganze Erde „untertan“ zu machen und zu herrschen über alle Vögel und Tiere (1. Mos. 1,28). Durch den Sündenfall wurde dieser Auftrag negativ verdreht. Aus dem göttlichen „untertan machen“ wurde die gnadenlose Ausbeutung der Schöpfung und die Herrschaft über Tiere wurde auf Menschen ausgeweitet, was nicht im Sinne Gottes ist. Wir sehen heute überall diese pervertierte Herrschafts- und Machtausübung, nicht nur in der Welt, sondern auch in der Kirche und in den Gemeinden. Als die frühe Kirche begann, sich der Welt zu öffnen, übernahm sie den falschen Herrschaftsbegriff und übertrug das hierarchische Machtsystem Roms auf die Kirche. Aus Angst vor Irrlerhrern und Konflikten setzten sie den Bischof mit königlich- priesterlicher Autorität an die Spitze der Kirche („monarchischer Episkopat“) und unterstellten ihm die Ältesten und die Gemeinde. Die erste Kirchenhierarchie war entstanden. Bis heute finden wir die hierarchische Grundstruktur in vielen Denomination wieder. Dem unmündigen Christen gibt sie Sicherheit und Orientierung, denn es könnte  zu gefährlich und zu anstrengend sein, als königlicher Priester selbständig und abhängig von Gott zu handeln. Und doch ist das der Stil des Reiches Gottes: Jesus Christus regiert ohne Hierarchie als König über uns und wir sind seine Nacholger und Beauftragten. Jesus hat uns gezeigt, das göttliche Herrschaft immer mit Dienen einhergeht: „Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder…. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein“ (Mt.23,8.11). Die Gemeinde der Erlösten ist kein hierarchisches System, von Menschen gebaut, sondern ein „kooperativer Leib“, bei dem einer mit dem anderen verbunden ist und das Wachstum des Leibes wirkt, indem jeder auf das Haupt, den König Jesus Christus ausgerichtet bleibt (Eph. 4,15-16). Passend dazu sagt Petrus: „laßt euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum … Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum“ (1.Petr.2,5.9).
Ein königlicher Priester kennt seine Berufung, bzw. er streckt sich nach ihr aus und möchte in ihr leben. Er will den Platz im Hause Gottes einnehmen, den Gott für ihn vorbereitet hat und entsprechend seiner Begabung am ganzen Bau in Verantwortung mitwirken. Es gibt eine „Unversalrolle“ in der er königlich und priesterlich wirkt und eine „Spezialrolle“, in der er einen speziellen Auftrag ausführen wird. Ein königlicher Priester kennt sein Territorium. Er hat seine Zeltpflöcke gesteckt (Jes. 54,2) und wird sie weiter spannen, wenn Gott es sagt. Nachdem er Autorität über sein eigenes Leben ausübt, tut er das nach und nach über die ihm anvertrauten Bereiche. Er wird in ihnen als Diener herrschen und gegen die antigöttlichen Strukturen kämpfen und die Dämonen aus ihnen vertreiben. Ein königlicher Priester sucht in allem das Wohl der ihm anvertrauten Menschen und sorgt sich um ihre geistliche Entwicklung. Jeder gläubige Christ kann als königlicher Priester in seinem Rahmen in den ihm anvertrauten Bereichen diese Autorität praktizieren und bei treuer Ausübung immer mehr Bereiche in Liebe einnehmen.  


Richard Schutty (http://www.taube-ev.net)

(Die Bibelstellen sind der Rev. Elberf. Übers. entnommen.)

Das Geheimnis unserer WM-Jungs

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

... ist eigentlich gar keines – jeder hat es schon mal gehört: Das Geheimnis des Erfolges beim WM-Sieg unserer Jungs war: der Mannschaftsgeist!

 

David Beckham sagte in einem Interview vor (!) dem Finale:  „Argentinien hat Messi, Deutschland hat niemanden“. Von wegen. Nach dem Sieg Deutschlands  war auf Facebook zu lesen: „Portugal hatte Ronaldo,  Brasilien hatte Neymar, Argentinien hatte Messi und Deutschland hatte ein Team.“  

 

Jogi Löw hat gut daran getan, seine Mannschaft aus Spielern zusammen zu setzen, die sich nicht als zentrale Superstars sehen, sondern als Teil einer Mannschaft, die ein gemeinsames Ziel hat.

Es war einfach schön anzusehen, mit welchem Gemeinschaftsgeist der ganze Kader agierte – selbst diejenigen, die auf der Bank saßen.

 

Sie waren und sind wie eine große Familie. Eine Familie, in der sich jeder schätzt und einer für den Anderen einsteht. Wie sonst ist z.B. zu erklären, dass Mario Götze das Trikot seines verletzten Kameraden Marco Reuss anzog und damit deutlich machte: Wir haben Dich im Herzen dabei!

 

Auch als Mitglieder christlicher Gemeinden können wir von unseren WM-Jungs lernen. Es geht nicht um zentrale Einzel-Stars, um große Namen, an deren Lippen die Fangemeinde hängt. Oder vielleicht doch? Ich habe den leisen Verdacht, dass wir „bei Kirchens“ doch noch nicht ganz frei von diesem Denken sind.

 

„Margot Käßmann kommt?“ „Peter Hahne ist beim Christustag? … Da muss ich hin.“ Oder etwas kleiner: „Der Pfarrer soll das machen – er ist doch die zentrale Figur in der Gemeinde!“. – Wirklich? Ich wüßte gerne, wo das in der Bibel steht!

 

Nein, die Zeit ist reif, dass wir Gemeinde als eine echte Gemeinschaft verstehen, als den Leib Christi, der aus vielen begabten Gliedern besteht. Und dieser Leib arbeitet als „Mannschaft“ und lebt wie eine starke Familie – ohne geistliche Superstars, die alles bestimmen. Diese Position ist für einen Einzigen reserviert: für Jesus Christus, den einzigen Herrn und Hirten der Gemeinde!

 

Und was ist unsere Aufgabe? „Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer deutet es. Alles geschehe so, dass es aufbaut.“ (1Kor 14,26)

 

Markus Haag

Gender-Mainstreaming als totalitäre Steigerung von Frauenpolitik

Thommy Weiss / pixelio.de

"Gender-Mainstreaming ist eine umfassende politische Zielvorstellung. Von der traditionellen Frauenpolitik unterscheidet sich Gender-Mainstreaming dadurch, dass der Gender-Aspekt sämtliche Politikbereiche in allen Einzelaktionen durchdringen soll. Jedes Gesetz, jede Maßnahme, jede Entscheidung, d. h. die gesamte staatliche und gesellschaftliche Aktivität soll einer Verträglichkeitsprüfung unterzogen werden, ob sie im Verhältnis der Geschlechter irgendwelche Ungleichheiten zur Folge haben könnte, oder ob sie sich eignen könnte, diesbezüglich bestehende Ungleichheiten aufzuheben oder abzumildern." Der Mainzer Kriminologe Prof. Dr. Dr. Michael Bock, von dem auch diese Definition stammt, spricht deshalb in einem Aufsatz von "totalitären Zügen". (21. Jan 2014) mehr >>

Jürgen Moltmann: Die Zukunft der Kirche ist freikirchlicher als bisher

"Idea" schreibt: Die Zukunft der Kirche ist nach Ansicht des Tübinger Theologieprofessors Jürgen Moltmann freikirchlich geprägt. In einem Interview mit dem evangelischen Magazin „3E“, das vom Bundes-Verlag herausgegeben wird, sagte der 87-Jährige, er erwarte dies zwar nicht mehr in seiner und der nächsten Generation – „aber so wie die Entwicklung läuft, sehe ich, dass die Zukunft der Kirche eine freiere und freiwilligere sein wird“. (6. Jan 2014)  | Ganzer Artikel

"Lobt Gott, ihr Christinnen und Christen alle gleich"

Foto: Thommy Weiss / pixelio.de

von Markus Haag

 

Nur noch wenige Tage, dann ist es wieder soweit: Weihnachten steht vor der Tür. Morgen zünden wir die dritte Kerze am Adventskranz an, dann die vierte … und dann kommt Weihnachten.

 

Lobt Gott …

Das Beste, was Christen an diesem Fest tun können, ist: Gott loben! Welcher Gott hat schon die Größe, sich selbst zu „entäußern“ und „Knechtsgestalt“ anzunehmen – oder etwas verständlicher formuliert: Sein himmlisches Reich zu verlassen, um als Mensch in den Niederungen unserer Welt zu leben.

 

Also loben wir ihn dafür und singen: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.“ (EG 27)

 

… ihr Christen …

Wobei – müsste es nicht heißen: „Lobt Gott, ihr Christinnen und Christen alle gleich“? Kann man, muss man nicht sogar so formulieren?

 

… alle gleich

Man muss! Zumindest will es der Neusprech so, der sich streng nach den Vorgaben des sog. „Gender Mainstreaming“ richtet. Und da es nach der Gender-Ideologie keine biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, muss entweder absolut geschlechtsneutral formuliert werden („Christ_innen“ – der „Gender-Gap“ steht für die anderen Geschlechter außer Mann/Frau wie Trans- oder Intersexuelle) oder eben mindestens so, dass zumindest zwei Geschlechter vorkommen („ChristInnen“ oder eben „Christinnen und Christen“).

 

„… und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27)

Und das Schlimme: Obwohl wir Christen doch eigentlich wissen sollten, dass Gott Mann und Frau als zwei unterschiedliche Geschlechter geschaffen hat, macht die Kirche fröhlich mit.

 

Ganz abgesehen davon, dass dieser Neusprech grammatikalischer Unsinn ist. Wer meint, zu jedem Hauptwort ein „-innen“ zufügen zu müssen, der verkennt die grammatikalische Ordnung unserer Sprache: Jedes Hauptwort hat nämlich ein grammatikalisches „Geschlecht“ (genus), das nicht (!) auf die Sexualität bzw. das sexuelle Geschlecht (sexus) verweist!

 

Wenn wir also von „Christen“ reden, dann geht es uns nicht um die Sexualität der Menschen sondern meint, dass diese Menschen zur christlichen Gemeinde bzw. zu Jesus gehören!

 

Andernfalls degradieren wir die Bezeichneten zu Sexualobjekten – und verfehlen so durch die scheinbar „gerechte“ Bezeichnung ihre Eigenart als das, was sie sind: Menschen, Kinder Gottes – und eben nicht in erster Linie „Sexualwesen“. Als Mann fühle ich mich nicht im Geringsten  diskriminiert, wenn ich als „die Person“ (Femininum!) bezeichnet werde.

 

Also lassen wir Christen doch diesen ideologisierten Unsinn und tun das, wozu wir berufen sind: „Lobt Gott ihr Christen alle gleich!“

Jesus allein - Gott ohne künstliche Zusatzstoffe erleben

Dieter Schütz / Pixelio.de

von Nicole Schenderlein

 

Jesus hat viele Gesichter: Das Kind in der Krippe, der Lehrer, der Mann am Kreuz, der Auferstandene. Für uns alle hat er aber immerhin diese eine Bedeutung: Durch Jesus sind wir Christen, nach ihm benannt. Dennoch hat jeder von uns seine eigene Sichtweise auf ihn, eine bestimmte Seite von Jesus ist jedem von uns besonders wichtig. Welche ist das bei Ihnen? Jesus hat viele Facetten, trotzdem passiert es uns immer wieder, dass wir ihn in eine kleine Kiste pressen.

 

Werfen Sie einen Blick in die Kirchengeschichte, und Sie werden viele dieser Kisten finden. Aber wir finden sie auch heute, in unseren Gemeinden, in unserem eigenen Leben. Wenn Sie wie ich Lust haben, Jesus aus der Kiste zu holen und ihn pur zu erleben, dann lade ich Sie auf eine Reise ein: Entdecken Sie Jesus „ohne Konservierungsstoffe“. Wenn wir Jesus pur erleben wollen, müssen wir die Kisten in un ser em Leben entdecken und den Mut haben, sie zu öffnen und danach wegzuwerfen. Machen Sie mit? Wenn Sie schon mal umgezogen sind, wissen Sie, was auf Sie zukommt. Kisten auszupacken und neu zu sortieren, kann stressig sein und bis an die Grenzen gehen. Als o Vorsicht, jetzt wird es unbequem! Durchleuchten wir mögliche Verstecke für „christliche Götzen“:

 

Konservierungsstoff Kirche

Vor Jahren gründeten wir einen überkonfessionellen Hauskreis und luden dazu auch unser Pastorenpaar ein. Sie hatten kein Interes se zu kommen und waren wenig begeistert. Die Pastorenfrau sagte: „Solange ihr der Kirche nicht in die Quere kommt, ist das ja noch okay.“ Ihr schien die Institution Kirche wichtiger zu sein, als dass Menschen Jesus kennenlernen. Die Kirche, in der Jesus bi tteschön leben soll, wurde wichtiger als er selbst.

 

Götze Gottesdienst

Eine Bekannte hat sich einmal richtig Sorgen um mich gemacht: Ich war längere Zeit nicht zum Gottesdienst in der Gemeinde gekommen; jetzt nahm sie an, ich wäre vom Glauben abge - fallen und kein Christ mehr. Für meine Bekannte war der Gemeinde - G o t t e s - dienst die einzige Verbindung zu Gott: ohne Gottesdienst keine Gottes - beziehung.

 

Platzhalter Predigt

Für einen Freund von mir ist die Predigt das Wichtigste im Gottesdienst. Mit „dem Wort“ steht und fällt die Qualität des Gottesdienstes und die Stimmung für den restlichen Sonntag oder sogar für die ganze Woche. Mein Freund macht fast sein Leben abhängig davon – aber nicht von Jesus.

 

Lustkiller Lobpreis

Eine Freundin von mir liebt Lobpreis. Nirgendwo anders kann sie Gott so sehr erleben wie beim Singen, Tanzen und Musizieren. Das klingt zunächst sehr schön, aber das Wort „nirgendwo“ sollte sie doch stutzig machen: Ersetzt hier das schöne Gefühl bei der Anbetung die Person Jesus? Eine schmale Gratwanderung.

 

Gruppenvirus Gebet

Ich habe schon einige Gebetskreise besucht und finde sie sehr wertvoll, aber auch hier gilt es, den Fokus nicht zu verschieben. Gebet ist Reden mit Gott – also Begegnung mit Gott. In wieweit aber lassen wir in dieser Beg egnung Gott Raum zum Reden? Es gibt Gebetsgruppen, die Gott anflehen und Fürbitten halten und sich treu jede Woche treffen, aber Gottes Stimme noch nie gehört haben. Auf der anderen Seite gibt es Gebetsgruppen, die jede Woche ein Reden Gottes „erzwingen“. Beide Varianten stellen das Gebet als Instrument in den Vordergrund und Jesus in den Hintergrund.

 

Ballast Bibel

Es gibt ganze Gemeinschaften, die versuchen, sich „nach dem Wort Gottes“ auszurichten und zu leben – und meinen damit ausschließlich die Bibel. In einem Hauskreis, den ich vor einigen Jahren besucht habe, war eine Person der festen Überzeugung, die Bibel sei Gott. Der auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Jesus soll jetzt nur noch in einem Buch zu finden sein?

 

Wegwerfartikel Werte

In einer mir bekannten Gemeinde dürfen nur Leute predigen, die Krawatten und Stoffhosen statt Jeans tragen, die keine Gossensprache be - nutzen und am besten noch einen Mittelscheitel haben. Dieser Wert der Gemeinde wird nicht ausgesprochen, ist aber gültig – ganz gleich, ob eine Frau mit zerrissener Jeans, die ab und zu mal „scheiße“ sagt und deren Haare nicht zu bändigen sind, vielleicht von Gott den Auftrag bekommen hat, der Gemeinde von seiner Liebe zu erzählen.

 

Kisten auspacken

Wie wichtig sind für Sie die oben genannten Elemente? Warum sind Ihnen bestimmte Elemente besonders wichtig? Welche persönlichen Erfahrungen, insbesondere Verlet - zun gen, könnten dahinter stehen? Sind Ihnen gewisse Elemente vielleicht sogar wichtiger als Jesus selbst?

 

Kulturelle Kisten

Sicherlich gibt es noch mehr christliche Kisten, die wir gut behütet verstecken und davor bewahren, ausgepackt zu werden. All die oben genannten Möglichkeiten müssen keine christ - lichen Götzen sein. Sie sind wichtige Bestandteile aus der Vielfalt, in der wir Gott erleben können. Wie es auch mit anderen Sünden und Götzen ist, kommt es aber immer auf den Schwerpunkt an, den etwas in meinem Leben einnimmt. In unserer Kultur gibt es kaum noch Raum für Übernatürliches. Wir sind eher pragmatisch und sachli ch. In afrikanischen Ländern ist das ganz anders – dementsprechend unterschiedlich sind unsere Ansprüche an Gottesdienste und vielleicht sogar an Gott selbst. Der Gottesdienst und die Predigt, wie wir sie heute kennen, sind vor allem von der römischen un d der griechischen Kultur geprägt, weniger von der jüdischen. Die „Lehre“ eines Menschen, der eine Versammlung an seinem Wissen teilhaben lässt, hat seine Wurzeln in den griechischen Lehr - veranstaltungen, die wiederum Einzug in das Christentum genommen haben . Wir sollten uns also auch darüber informieren, wo unsere christlichen Traditionen ihre Wurzeln haben und sie nicht blind übernehmen, bevor sie vielleicht sogar zu Götzen in unserem Leben werden.

 

Wertlos contra wertvoll

Manche unserer Werte sind aus Mangel in unserem Leben entstanden, aber auch aus Verletzungen. Wenn in manchen Gemeinden Äußerlichkeiten sehr wichtig ist, kann es sein, dass die Leiter sich selbst nicht preis geben, sich schützen wollen – weil sie zum Beispiel nicht so geliebt wurden, wi e sie sind. Diese Wunde treibt sie weiterhin an. In Gemeinden, in denen Männer Frauen unterdrücken, kann es sein, dass die Männer nicht wieder riskieren wollen, so ohnmächtig niedergedrückt zu werden wie einst von ihren Müttern, Schwestern, Lehrerinnen. So lche Werte, die aus Verletzungen und Mängeln entstehen, sind nicht nur wertlos. Wenn sie zu Götzen in unserem Leben werden und Jesu Stelle einnehmen, hat er selbst keine Chance mehr, diese Verletzungen zu heilen und die Mängel aufzuheben. Solange uns diese christlichen Götzen aber im Weg stehen, bleibt Jesus in kleinen Kisten verpackt und hat keine Möglichkeit, uns pur und „wertvoll“ zu begegnen. Auch wenn er der Allmächtige ist, ist er ein Gentleman; er respektiert unsere Freiheit und unseren Willen.

 

Was wollen Sie also? Haben Sie nicht auch Lust, neue Facetten an Jesus zu entdecken, neue Wege mit ihm zu gehen – ohne christliche Krücken, ohne Konservierungsstoffe? Wenn ja, wel - chen Schritt können Sie jetzt, heute, als erstes tun? Welche Kisten gibt es in Ih rem Leben? Welche packen Sie zuerst aus?

 

(Quelle: http://www.dadws.de/attachments/article/52/Together_4.pdf mit freundlicher Genehmigung der TOGETHER-Redaktion)

Was ist das "kirchliche Amt"?

Unter dem Motto "Ein Auftrag. Viele Gaben und Dienste" diskutierte der KGR in seiner Sitzung am 14. Mai das Impulspapier der Reformbewegung "Kirche für morgen". Es geht der Frage nach, ob und wie wir heute noch vom "kirchlichen Amt" sprechen sollen. Sie finden das Papier unter http://www.kirchefuermorgen.de/wp-content/uploads/2013/03/Impulspapier-zum-kirchlichen-Amt.pdf

Diskutieren Sie mit! 

Was ist ein Gottesdienst?

10 Thesen und hilfreiche Fragen von Reinhold Krebs

1. „Du stellst meine Füsse auf weiten Raum“ (Psalm 31,9). Eine Rückbesinnung auf das Neue Testament kann auch beim Thema „Gottesdienst“ neue Horizonte und Gestaltungsräume öffnen. Das „Jahr des Gottesdienstes“ lädt ein „Gottesdienst“ neu theologisch und biblisch zu bedenken. Für evangelische Christen wird die Orientierung am Neuen Testament (NT) Vorrang haben vor kirchlicher, auch lutherischer Tradition. Auch der protestantische Predigt-Gottesdienst wird vom NT her zu hinterfragen sein. Kann im Hören auf die Schrift beides wachsen, Wertschätzung bisheriger Tradition - und Horizont-erweiterung mit dem Mut „übers freie Feld zu gehen“ und das Gottesdienst-Feld neu zu explorieren?

 

Wie stark sind auch alle Jugendgottesdienste vom Grundmuster des Predigt-Gottesdienstes geprägt? Kann gemeinsames Arbeiten an neutestamentlichen Texten neue Gottesdienst-Horizonte eröffnen?

 

2. Gottesdienst ist im Neuen Testament die „Ganzhingabe des Lebens“ (Röm. 12,1). Unser Sprachgebrauch von „Gottesdienst“ als Veranstaltung verdunkelt diese wichtige Botschaft.Jede deutsche und griechische Konkordanz bestätigt es: Gottesdienst (latreia, leiturgia) ist im Neuen Testament nicht die Versammlung der Christen, sondern die Ganzhingabe des Lebens. Nicht mehr ein Ausschnitt des Lebens - eine heilige Zeit, eine heilige Handlung oder ein (Tier-)Opfer - macht den Gottesdienst aus. Angesichts der ganzen Hingabe Gottes in Christus macht nur noch ein Gottesdienst Sinn, in dem wir uns selber bringen als „Ganzopfer“. Der ganzen Hingabe Jesu korrespondiert die ganze Hingabe unserer Zeit, unseres Lebens, unserer Existenz (Röm. 12,1). Auch seinen eigenen apostolischen Dienst sieht Paulus als solchen Gottesdienst (Röm. 1,9; Phil 2,17 u.a.). Nennen wir das Christentreffen, das im NT als „Versammlung“ bezeichnet wird, „Gottesdienst“, brechen wir dieser elementaren Herausforderung des NT die Spitze ab und verdunkeln ein Stück weit den Anspruch des Evangeliums auf unser ganzes Leben.

 

Wäre nicht eine gründliche Bibelarbeit auch mit Jugendgottesdienst-Teams über diese Stellen hilfreich? Müssten wir nicht öfter vom Alltags-Gottesdienst und vom „Leben als Dankopfer“ reden?

 

3. Die ersten Christentreffen waren stark interaktiv. Welche Herausforderung liegt darin für uns heute? Natürlich gab es in besonderen Fällen bei den ersten Christen auch die lange Lehrpredigt - wie z.B. bei Paulus in Troas (Apg. 20,6-11). Der einschlafende Eutychus, der aus dem Fenster stürzt, zeigt aber wie ungewohnt das für die sonst um den Tisch versammelten Christen war. Einander ermutigen, einander ermahnen war das „Normalprogramm“. „Einander“ (allälon) ist deshalb eines der häufigsten Wörter der Paulusbriefe. Das „Tragen der Last des Anderen“ (Gal. 6,2), das „ins Leben des anderen sprechen“ ist in reinen Von-Vorne-Veranstaltungen aber leider kaum umsetzbar.

 

Machen nicht auch Treffen in „Party-Größe“ geistlich Sinn, bei denen Kommunikation im Zentrum steht? Welche interaktiven Formen sind in Jugendgottesdiensten praktizierbar auch über den Friedensgruß beim Abendmahl hinaus? Wären Austauschrunden zu einer Impulsfrage hilfreich? Ist z.B. ein „einander segnen“ denkbar? Wie sehr haben wir uns innerlich auf einen Gottesdienst „von vorne“ festgelegt?

 

4. Das Leitbild für Gemeinde im Neuen Testament ist nicht eine „Zuhörerschaft“, sondern ein organisches, aktives Miteinander des Leibes Christi. Gemeinde als „creatura verbi“ („Geschöpf des Wortes“), als „Glaubensereignis“, als Gemeinschaftsbildung im Hören auf das Evangelium entspricht guter lutherischer Tradition. Aber Gemeinde ist auch „creatura spiriti“ („Geschöpf des Geistes“). In der Ausübung der geschenkten Gaben des Geistes, im Zusammenspiel der Charismen entsteht Gemeinde. „Wenn ihr zusammenkommt hat jeder etwas beizutragen…“ (1. Kor 14,26). Jedes „Gemeinde-Glied“ hat den anderen am Leib Christi nötig – und das nicht nur theoretisch. (1. Kor 12,15 ff.). Eine rein aufnehmende (Predigt-)Gemeinde, ein stark „kanzelorientiertes Treffen“ entsprechen deshalb eigentlich nicht dem neuen Gottesvolk. „Ihr seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden.“ (1.Petr. 2,9 NGÜ).

 

In Jugendgottesdienst-Teams können die Gaben vieler zum Zug kommen. „Beiträge“ sollten aber nicht auf den Kreis der „Veranstalter“ begrenzt sein. Welche Beteiligungs-Elemente sind möglich? Was ist an Gebetsstationen, offene Phasen, „open mic“ denkbar?

 

5. Auch wenn Glaube aus dem „Gehörten“ erwächst (Röm. 10,17) ergibt sich daraus nicht der Vorrang der Kanzelrede. Das Wort Gottes soll in seiner ganzen Fülle unter uns Wohnung nehmen (Kol. 3,16). Interessant, dass diese „Fülle des Wortes“ nicht in der Predigt von vorne besteht, sondern auch vom „einander“ lebt: „Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen ...“. Glaube, der aus dem Wort Gottes erwächst, braucht also gerade das „einander“, auch den Dialog. Nach dem Johannesevangelium entsteht Glaube sogar erstrangig durch die gelebte Einheit der Christen und ihr Miteinander (Joh. 17). Ihre gegenseitige Liebe (Joh. 13,34 f.) ist die starke Botschaft, die Glauben weckt.

 

Was verstehen wir unter „glaubensweckender Verkündigung“? Hat diese nicht viele Gesichter, viele Gestalten? Was könnte es heißen „to be, to do and to say the gospel“ (Darrell Guder)? Gelingt uns eine Kommunikation des Evangeliums als Gesamtkunstwerk auf allen „Kanälen“?

 

6. Die Zusammenkünfte der ersten Christen waren vor allem dezentral. Eine Versammlung der „Ortsgemeinde“ war eher die Ausnahme. Die Grußliste in Römer 16 legt nahe, dass die Gemeinde in Rom aus mindestens sieben Oikos-Gemeinden (Oikos = Hausgemeinschaft) bestand. Diese waren hochvernetzt und verstanden sich als „Leib Christi in Rom“, auch wenn sie praktisch nie als „Ortsgemeinde“ zusammen kamen. Ähnliches lässt sich für Korinth, Laodizea, Kolossä und andere Orte zeigen[1]. Eine Oikos-Gemeinde von 15-40 Personen machte Tischgemeinschaft, Beteiligung und ein intensives „einander“ möglich. Die Zusammenkunft als Großgruppe (Ortsgemeinde) war schon wegen der Verfolgung problematisch und die Ausnahme. Während wir mit dem Stichwort „Gemeinde“ die Ortsgemeinde (Parochie), ein Kirchengebäude und sonntägliche Gottesdienste verbinden, stand den ersten Christen also immer ein Netzwerk überschaubarer, interaktiver Gemeinschaften vor Augen, wenn sie von Gemeinde redeten.

 

Welche Horizonterweiterung bedeutet es, wenn wir Gemeinde als Netzwerk denken, wenn jede kleine oder große Einheit „ganz Kirche, aber nie die ganze Kirche“ (Hans-Joachim Eckstein)ist ? Welche Mischung aus „cells“ (Kleingruppen), „cluster“ (15-40 Personen, Tischgemeinschaft) und „celebration“ (Von-Vorne-Veranstaltungen) ist hilfreich? Sind wir zu sehr „celebration“-orientiert in unserem Denken?

 

7. Die Einheit der Gemeinde in dem einen Gottesdienst zu sehen war den ersten Christen fremd. Diese These ergibt sich aus der Versammlungspraxis. Bei „Einheit“ dachten die ersten Christen nicht an „alle in einem Raum“. Einheit im neutestamentlichen Sinn bedeutete zunächst das Miteinander in der überschaubaren Gemeinschaft. Dann aber auch die intensive Netzwerkbildung zwischen den Oikos-Gemeinden vor Ort und weltweit. Die Gemeinden wussten voneinander, beteten füreinander, spendeten füreinander, waren personell durch freie, reisende Mitarbeitende verknüpft.. Diese organische Vernetzung könnte - im Bild vom Körper gesprochen - als „Blutkreislauf“ des Leibes Christi (Finanzen, Mitarbeitende = Ressourcen, Energie) und als „Nervensystem“ des Leibes Christi (Briefe, wechselseitiges Gebet – vgl. die Brieferöffnungen des Paulus) beschrieben werden.

 

Wie konkretisiert sich für uns Einheit in der Gemeinde Jesu Christi – in der kleinen Gruppe, vor Ort, in der Region, weltweit? An welchem „Blutkreislauf“ und an welchem „Nervensystem“ haben wir Teil?

 

8. Die Tischgemeinschaft war die Urform christlicher Zusammenkünfte. Natürlich sind Einflüsse der Synagoge auf die Gemeindepraxis der ersten Christen vorhanden. Neu gegenüber jüdischer Praxis war bei den ersten Christen die Aufwertung von Haus- und Tischgemeinschaft, das „Brotbrechen“ beim „Mahl des Herrn“ - die dauerhafte Weiterführung des von Jesus neu interpretierten Passahmahls. Grundmuster der Christentreffen war ein Abendessen, ein Abendmahl. Die Gestaltung von Deipnon und Symposion im griechisch-römischen Raum in den Blick zu nehmen hilft ein konkreteres Bild urchristlicher Zusammenkünfte zu bekommen.

 

Ist dann nicht auch eine an Apg.2,42 orientierte Form von Tischgemeinschaft, Austausch, Input und Gebet ist ein „vollwertiges“ Christentreffen im neutestamentlichen Sinn, also ein „Gottesdienst“? Wie lässt sich Tischgemeinschaft einbeziehen in Jugos? Welche Chancen bieten „Brunch-Gottesdienste“?

 

9. Christentreffen ohne Herrenmahl waren nicht denkbar. Die lutherische Infragestellung der mittelalterlichen Messe war berechtigt. Die Ausgliederung des Herrenmahls im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte als seltenes Sakrament oder als Anhang an den „normalen“ Gottesdienst führte aber in eine unbiblische Spur. Dass in der Jugendarbeit das Herrenmahl einen verschwindend geringen Stellenwert hat ist mehr als bedenklich. Vom NT her ist eine Zusammenkunft der Christen ohne das Mahl des Herrn kaum denkbar.

 

Welche Abendmahls-Praxis leben wir selber, auch als Team? Welche Formen lassen sich integrieren z.B. in offenen Phasen? Welche neue Formen (wie z.B. „Feierabendmahl“ auf Kirchentagen) könnten ausprobiert werden? Könnten Freizeiten hier einen guten Erprobungsraum bieten?

 

10. Die Zusammenkünfte der Christen sind wie eine bewusste Atemübung für das tägliche Atmen. Sprache - auch im Blick auf das Wort „Gottesdienst“ –lässt sich nicht per Knopfdruck ändern. Wenn wir weiter vom „Gottesdienst“ reden könnte dieser –im Bild gesprochen - den Charakter einer Atemübung haben. Diese ersetzt nicht das tägliche Atmen. Sie macht aber erst Sinn, wenn sie zu einem besseren Atmen im Alltag hinführt. Das Sonntagstreffen wäre dann eine bewusste Zeit des Gottesdienstes, damit der eigentliche Gottesdienst im Alltag gelingt. Dann leuchtet auch das alte Wort Messe (von „missio“ = Sendung) neu auf. Das Treffen der „berufenen Zeugen“ (Karl Barth) wird immer in die Sendung führen, in die gelebte Ganzhingabe. Beim Zusammenkommen der Christen geht es nur nebenbei um die eigene Erbauung. Erstranging ist ihr Gottesdienst im Alltag der Welt, das Ausleben ihrer göttlichen „Mission“.

 

Welche Konsequenzen hätte dies für die Verkündigung, für den Schlussteil eines Gottesdienstes? Wie kann das „Aussenden“ in den „Alltags-Gottesdienst“ Gestalt gewinnen?

 


[1] Vgl. Roger Gehring (2000): Hausgemeinde und Mission. Gießen. S. 238 ff.